Tagungsbericht: Objekte und Eliten. Neue Forschungen zur Kunstproduktion im 12. und 13. Jahrhundert in ihrem interkulturellen Kontext

Veranstalter: BMBF-Verbundprojekt „Innovation und Tradition. Objekte und Eliten in Hildesheim, 1130 – 1250“ und das Zentralinstitut für Kunstgeschichte München
Datum, Ort: 19.05.2017–21.05.2017, München
Bericht von: Johanna Beutner, Kunsthistorisches Institut, Universität Bonn

Das vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) geförderte Verbundprojekt „Innovation und Tradition. Objekte und Eliten in Hildesheim, 1130 – 1250“ (http://objekte-und-eliten.de/) beschäftigt sich seit März 2015 mit der interdisziplinären Erforschung weltlicher und geistlicher Eliten und deren Umgang mit Kunstwerken. Die dichte Überlieferung von Objekten in Hildesheim ermöglicht hier eine exemplarische enggeführte Untersuchung. Ziel der gemeinsam vom Projekt und dem Zentralinstitut für Kunstgeschichte in München organisierten Tagung war es, diesen interdisziplinären Ansatz und die sich daraus ergebenden Fragestellungen zum Objekt- und zum Elitenbegriff auf den europäischen Kontext zu erweitern. Hierzu wurden Historiker und Kunsthistoriker mit verschiedensten inhaltlichen Schwerpunkten eingeladen, deren Vorträge zu weltlichen und geistlichen Eliten, zu Objekten der Buchmalerei, Goldschmiedekunst und Skulptur zu einem multiperspektivischen Zugang zu mittelalterlicher, elitärer Gesellschaft beitragen sollten.

Hans Werner Goetz (Hamburg) bildete mit seinem Abendvortag „Eliten. Ein Forschungsbegriff und seine mediävistische Problematik“ den Auftakt der Tagung. Die Problematik in der Anwendung des Eliten-Begriffs auf die mediävistische Forschung ergibt sich nicht nur aufgrund seiner verhältnismäßig jungen Geschichte – ursprünglich wurde er während der französischen Revolution zur Abgrenzung gegen den alten Adel etabliert – sondern auch durch seine moderne Verwendung. Die Aufgabe einer Definition fiel bisher vor allem der Soziologie zu. Eine unreflektierte Übernahme dieser Definitionsansätze auf mittelalterliche Gesellschaften muss daher immer auf Anachronismen stoßen. Laut Goetz bestehe weiterhin ein Desiderat in der Definition des Begriffs für den historischen Kontext. Als Ansatz schlug er daher vor, zunächst eine klare Differenzierung der verschiedenen Eliten im Mittelalter vorzunehmen. Dabei käme es nicht nur auf die soziale Stellung (Adel, Klerus oder Bürgertum) und die geographische Verortung (Stadt oder Land) an, sondern auch auf die Frage nach dem Selbstverständnis der jeweiligen Gruppe. Es müsse beispielsweise Rücksicht auf den angeborenen Status genommen werden, der ein völlig anderes Selbstverständnis einer sozialen Gruppe bedinge. Sozialer Aufstieg war nur in sehr begrenztem Maße möglich und Abgrenzungsmechanismen funktionierten auf völlig andere Weise als bei elitären Gruppierungen heutzutage. Moderne Kategorien, so Goetz, seien daher auf die mittelalterliche Gesellschaft nicht anwendbar. Er plädierte stattdessen für einen reflektierten Umgang mit dem Eliten-Begriff und für die Loslösung von der Gleichsetzung von „Elite“ mit „Führungsschicht“. Es gelte, die Heterogenität auch innerhalb der Eliten sowie die Funktion bestimmter Elitenbegriffe (Machtelite, Bildungselite usw.) zu untersuchen, ohne die Ergebnisse der Soziologie hierbei völlig auszuklammern.

Dieser Einstieg sollte den Rahmen der Tagung bilden, die am Tag darauf zunächst mit historisch untersuchten Fallbeispielen zu unterschiedlichen Gruppierungen mittelalterlicher Eliten eingeleitet wurde.

Caspar Ehlers (Frankfurt) zeichnete am Morgen zunächst die Entwicklung der Sachsen von einem losen Verband von Volksstämmen hin zu einer Gesellschaftsgruppe innerhalb des fränkischen Reichs mit eigenem Selbstbewusstsein nach. Im Kontext des fränkischen Reichs wurden die Sachsen erstmals in Einhards Vita Caroli erwähnt. Während es dort noch um die Unterwerfung und Christianisierung der sächsischen Stämme ging, keimten im 9. Jahrhundert bereits erste Forderungen nach eigenen Rechten für das Volk der Sachsen auf. Während zur Zeit Ottos I. Widukind von Corvey in seiner heilsgeschichtlichen Ausdeutung der Sachseneroberung noch davon schrieb, dass sich Sachsen und Franken auf einer Augenhöhe begegnen konnten, war die Stellung des sächsischen Adels Anfang des 11. Jahrhunderts so gefestigt, dass er die Königswahl nach Sachsen verlegen konnte. Ehlers konstatierte, dass sich bei den sächsischen Eliten bereits früh ein Bewusstsein für die eigene Volkszugehörigkeit abzeichnete. Im Laufe der Zeit entwickelte sich auch eine räumliche Identifizierung ihrer patria (Heimat) sowohl nach innen wie nach außen. Dies führte im Konflikt des sächsischen Adels mit König Heinrich IV. schließlich dazu, dass dieser eine Reihe von Burgen anlegen ließ, die sich ins Innere des Reiches, d.h. gegen die sächsischen Gebiete richteten. Die Sachsen nahmen damit eine Entwicklung der Verdichtung eines Volkes hin zu einer territorialen Einheit vorweg, die sich allerdings erst sehr viel später auf andere Teile des Reichs ausdehnen sollte.

In den nächsten beiden Vorträgen wurde der Fokus auf die Entwicklung verschiedener Eliten in Hildesheim gelenkt. Claudia Hefter (Potsdam) betrachtete dabei zunächst die Domschule als Ausbildungsstätte einer geistlichen Elite. Dabei ging es ihr zunächst um die Aufschlüsselung der Verzahnung von Domschule und Domkapitel sowie um die Faktoren für den Zusammenhang von Bildung, Stiftungstätigkeit und Kunstproduktion. Dazu führte Claudia Hefter die Fundatio ecclesiae Hildensemensis und das Domkapiteloffiziumsbuch als bistumshistoriographische Quellen ins Feld. Anhand dieser Quellen lässt sich beispielsweise nachweisen, dass die Hildesheimer Domschule als Ausbildungsstätte zahlreicher Geistlicher des Bamberger Bistums diente. Darüber hinaus gingen zahlreiche wichtige Gelehrte und hohe Geistliche des Mittelalters aus Hildesheim hervor. Die Qualität der Bildung konnte exemplarisch anhand der Landschaftsbeschreibung Italiens durch Bischof Konrad von Querfurt nachvollzogen werden, in der er immer wieder antike Quellen zitiert und damit seine in Hildesheim gewonnene Gelehrsamkeit betont. Auf Konrad, der später auch Reichskanzler und kaiserlicher Legat wurde, gehen zudem zahlreiche Stiftungen in Hildesheim zurück.

Anne Südbeck (Osnabrück) schlug den Bogen hin zur weltlichen Elite Hildesheims. Neben dem Bischofssitz und den Klöstern entwickelte sich seit dem 10. und 11. Jahrhundert eine Zivilgesellschaft, die erstmals 996 erwähnt wurde. Seit dem Ende des 12. Jahrhunderts finden sich auch Belege für eine eigenständige Stadtgemeinschaft, deren zunehmende Emanzipierung vom Bistum im Laufe des 13. Jahrhunderts erfolgte. Die daraus hervorgehende weltliche Elite setzte sich einerseits aus den bischöflichen Ministerialen und andererseits aus den im Stadtrat vertretenen Familien zusammen. Anders als nach der heutigen Definition war Bildung jedoch nur ein zweitrangiges Kriterium, um der weltlichen Elite anzugehören. Entscheidender waren Herkunft und Stand sowie Ämter und Besitz. Das Selbstverständnis und die wirtschaftlichen Möglichkeiten des Ratsherrenstandes drückten sich in Stiftungen an geistliche Institutionen aus, die Grundstücke, Renten und Kunstobjekte umfassen konnten. Gleichzeitig gab es familiäre Bindungen zwischen den Rats- und Ministerialenfamilien und dem Kanonikat. In einer Grabplatte in St. Andreas von 1301, gestiftet für Offenia aus der Familie Insanus, findet sich der früheste Nachweis für das Repräsentationsbedürfnis der hochgestellten Familien Hildesheims.

Im zweiten, stärker kunsthistorisch ausgerichteten Abschnitt des Tages wurden exemplarisch einige Objekte in den Blick genommen, die verschiedene Zugänge zum Umgang von Eliten mit Repräsentationsmedien erlaubten.

Eileen Lemmle (Dresden) untersuchte das Verhältnis von Machtanspruch und Schatzkunst im Quedlinburger Damenstift des 13. Jahrhunderts. Seit der Gründung des Stifts 936 gehörten die Stiftsdamen von Quedlinburg zur Reichselite. Ihre Äbtissinnen stammten aus den höchsten Kreisen des Reichs und waren teilweise enge Verwandte des Kaisers. Dies änderte sich im 12. und 13. Jahrhundert, als das Damenstift nun mehr von Äbtissinnen aus lokalen Herzogshäusern geleitet wurde. In dieser Zeit wurde die Unabhängigkeit des Stifts vom benachbarten Bischof von Halberstadt angefochten. Trotz oder gerade wegen dieses Konflikts fallen einige herausragende Stiftungen im Bereich der Goldschmiedekunst in diese unruhigen Jahre unter der Äbtissin Sophie von Brehna (1203–1226). So wurden mehrere kostbare Codizes wie das Otto-Adelheid-Evangeliar (11. Jh.) oder das Samuhel-Evangeliar (9. Jh.) mit neuen, aufwändig gearbeiteten Buchdeckeln versehen. Das von Eileen Lemmle untersuchte Goldschmiedefiligran weist dabei eine große Ähnlichkeit zu zeitgleichen Stiftungen in Halberstadt auf. Es ist daher anzunehmen, dass sowohl in Quedlinburg als auch in Halberstadt auf dieselbe Werkstatt zurückgegriffen wurde. Lemmle argumentierte, dass der Absatzmarkt in Quedlinburg wahrscheinlich sogar größer war als der in Halberstadt. Im Streit um die Wahrung rechtlicher Unabhängigkeit dienten die Repräsentationsobjekte daher als Ausdruck des Durchsetzungsvermögens und der elitären Stellung des Stiftes.

Mit der Ausrichtung auf eine international vernetzte Elite behandelte Melanie Hanan (New York) eine Reihe von emaillierten Reliquienkästchen aus Limoges, die das Martyrium des Thomas Becket, Erzbischof von Canterbury, darstellen. Die Kanonisierung des Bischofs erfolgte bereits drei Jahre nach seiner Ermordung während einer Messe durch Ritter König Heinrichs II. von England im Jahr 1170. Die Verehrung des Heiligen breitete sich innerhalb weniger Jahrzehnte über ganz Europa aus. Dies lag nicht nur an dem Bußgang Heinrichs II. nach Canterbury, der den Kult unter den englischen Adligen etablierte, sondern vor allem an einer gezielten Streuung seiner Reliquien. Für den Zeitraum von 1180 bis 1220 lässt sich in Limoges eine massenhafte Produktion an emaillierten Reliquienkästchen nachweisen. Heute existieren noch 54 vollständige oder fragmentierte Kästchen dieser einstmals noch zahlreicher verbreiteten Gattung, die eine Darstellung des Martyriums des Thomas Becket aufweisen. Die Darstellung entspricht dabei aber nicht immer den überlieferten Gegebenheiten, sondern wurde je nach Interessenlage der Stifter auf bestimmte Art und Weise angepasst. Hanan leitete daraus ein Interesse bestimmter elitärer Gruppen an der Verbreitung des Bildkultes um Thomas Becket ab, der sich in besonderer Weise für die Nutzung in einem didaktischen oder liturgischen Kontext eignete.

Jörg Widmaier (Tübingen) stellte seinen Vortrag zu mittelalterlichen Taufgefäßen unter die Leitfrage: „Wer beschreibt die Taufe?“. Mit dieser Frage zielte er auf zwei Facetten der Taufbeschreibung ab. Denn nicht nur diejenigen, die berechtigt waren, das Sakrament der Taufe zu spenden, sondern auch die Taufgefäße selbst konnten, als Akteure verstanden, eine Beschreibungsleistung vollziehen. Insofern eigneten sich diese Gefäße, die auch außerhalb des Taufrituals für die Allgemeinheit sichtbar waren, als Repräsentationsmedien für geistliche Eliten. Hierzu gab Widmaier zunächst einen Überblick über den Bestand mittelalterlicher Taufbecken im 12. und 13. Jahrhundert. Vor allem an hochrangigen Objekten wurden Inschriften und Bildprogramme häufig zur Nennung oder Darstellung des geistlichen Stifters, meist eines Abtes oder Bischofs, genutzt. Darüber hinaus lässt sich eine serielle Produktion von Taufbecken in einigen von Widmaier untersuchten Regionen fassen, die wiederum ebenfalls zur Verbreitung bestimmter Inhalte dienten. Im zweiten Teil seines Vortrags präsentierte Widmaier als konkretes Fallbeispiel das Taufbecken von Beckum-Vellern. Das komplexe Text-Bild-Programm sei hier darauf ausgerichtet, seine Funktion als Rechtszeugnis während der sakramentalen Nutzung besonders zur Geltung zu bringen.

Der letzte Themenabschnitt des Tages beschäftigte sich mit der genaueren Betrachtung zweier Handschriften, die als Zeugnisse einer geistlichen Bildungselite die hohe Qualität mittelalterlicher Text-Bild-Konzepte verdeutlichen.

Mit dem Zwettler Magnum Legendarium Austriacum (Zwettl, Stiftsbibliothek, Cod. 12, 24, 14, 15) stellte Lena Sommer (Hamburg) einen sehr aufwändig angelegten Codex vor. Die Miniaturen dieser Anfang des 13. Jahrhunderts in einem der führenden Zisterzienserklöster seiner Zeit hergestellten Codex beschränken sich auf die Initialen, die am Beginn jeder Heiligenvita stehen. Sommer konnte darlegen, dass drei unterschiedliche Hände an der Illumination des Zwettler Legendarium beteiligt waren. An den unterschiedlichen stilistischen Merkmalen der drei Buchmaler lässt sich in exemplarischer Weise die Umbruchszeit der Frühgotik fassen. Während die erste Hand bereits den neueren Typus der umrahmten Feldinitiale vertrat, übernahm Hand 2 den herkömmlichen, in den Text eingebundenen Initialtypus. Die Initialen von Hand 3 bilden wiederum eine Mischform, die sich durch getreppte, an die Initialform angepasste Felder auszeichnen. Auch bezogen auf die Bildkonzeption beschrieb Sommer die Unterschiede zwischen den Buchmalern. Die Miniaturen des ersten Teils der Handschrift stellen einen Dialog des jeweiligen Heiligen mit einem Ungläubigen als ein Lehrer-Schüler-Verhältnis dar. Durch die Platzierung des Heiligen innerhalb der Initiale und des Ungläubigen außerhalb derselben wird das Bildungsgefälle zwischen beiden Figuren deutlich. Die Miniaturen des zweiten Buchmalers besitzen dagegen einen deutlichen Appellativcharakter, indem der Heilige, hier als Einzelfigur, sich durch seinen Lehrgestus direkt an den Betrachter richtet und ihn zur Nachahmung auffordert. Die Gemeinsamkeiten der drei Hände, so Sommer, lägen jedoch in der Konditionierung des Betrachters auf den nachfolgenden Text, verbunden mit einem entsprechenden Vorausgriff auf den Inhalt. Der Rezipient konnte sich somit durch die Betrachtung der Initialen noch vor dem eigentlichen Lesen innerlich auf den Nachvollzug der Heiligenvita einstellen.

Albert Dietl (Regensburg) stellte im Anschluss die Handschrift Passiones et actus apostolorum (München, Bayrische Staatsbibliothek, Clm 13074) aus dem Skriptorium des Klosters Prüfening vor. Das Anfang des 12. Jahrhunderts im Zuge der Hirsauer Reformbewegung vor den Toren Regensburgs gegründete Benediktinerkloster zeichnete sich besonders durch den engen Zusammenhalt seiner Brüder aus, die wie unum cor et unus spiritus et una anima nach dem Vorbild der apostolischen Urgemeinde zusammenwirkten. Dietl beschrieb das Kloster als erstrangiges Wissenszentrum der Stadt Regensburg. Unter dem Bibliothekar Wolfger fertigte das Skriptorium 1170 bis 1180 eine hoch innovative Handschrift an, die erstmalig eine frühmittelalterliche Kompilation apokrypher Apostel-Viten systematisch mit Illuminationen verband. Der Text der Passiones et actus apostolorum stammte dabei aus dem sogenannten Pseudo-Abdias. Exemplarisch griff Dietl einen Bilderzyklus zum Leben des in Indien missionierenden hl. Bartholomäus heraus. Wie in der übrigen Handschrift auch, zeigte sich hier das Prinzip der dem Text vorangestellten Frontispizseiten, deren ganzseitige Illuminationen eine Eigeninterpretation und Kommentierung des darauffolgenden Textes liefern.

Am dritten Tag stand die Geschichte von Objekten aus Klosterneuburg mit einer Schwerpunktsetzung auf den Klosterneuburger Altar im Fokus.

Martin Haltrich (Klosterneuburg) betrachtete zunächst die geschichtlichen Rahmenbedingungen, welche letztlich die Entstehung eines so herausragenden Objekts wie dem Klosterneuburger Altar ermöglichten. Das zu Beginn des 12. Jahrhunderts von Markgraf Leopold III. gegründete Stift von Klosterneuburg war für die Babenberger lange Zeit wichtiger als das benachbarte Wien. Als Pfalz und Grabstätte des zum höchsten Reichsadel gehörenden Geschlechts nahm Klosterneuburg trotz seiner Lage am östlichen Randgebiet des Reiches eine wichtige Stellung ein. Unter Hartmann von Brixen wurde das Stift zu einem Augustiner-Chorherren-Konvent umgewandelt und damit systematisch als bildungselitäre Stätte der österreichischen Markgrafschaft aufgebaut. Haltrich konnte zeigen, dass erst die Veränderung des Status quo seit Mitte des 12. Jahrhunderts durch die große Konkurrenz zum mittlerweile als Herrschaftssitz der Babenberger fungierenden Wien zur Produktion einiger herausragender Objekte führte. Neben dem Klosterneuburger Altar, der durch sein hoch komplexes Programm und die kunsthandwerkliche Qualität alles übertrifft, was in der Region und auch darüber hinaus zu finden war, setzte das Stift auch Handschriften zur programmatischen Festigung seines intellektuellen Führungsanspruchs ein. Laut Haltrich war dieser Anspruch nicht ungerechtfertigt, belegen doch Quellen wie der Codex Traditionum, dass es um das Stift herum reichlich Infrastruktur und eine vorstädtische Gesellschaft gab.

Mit Überlegungen zum Status des Klosterneuburger Ambos als Akteur konkretisierte Heike Schlie (Salzburg) den Kontext dieses Objektes noch weiter. Das Goldschmiedewerk wurde 1181 von Nikolaus von Verdun angefertigt und setzte ein typologisches Programm erstmals in vollkommen systematischer Form bildnerisch um. Schlie machte zunächst darauf aufmerksam, dass die heutige Erscheinungsform des Werks als eigenständiger Altar auf ein Reframing der 1950er Jahre zurückgeht. Doch auch im 14. Jahrhundert wurden bereits massive Eingriffe vorgenommen. Addenda von 1331 zur Inschrift der Tafeln geben noch einen Hinweis auf den Ambo, für den das Bildprogramm aus Emailtafeln ursprünglich angefertigt wurde. Im Zuge der Umfunktionierung zu einem Altartriptychon wurde das Bildprogramm um zwei Register erweitert. Dieser Eingriff, konstatierte Schlie, habe zwar in quantitativer Hinsicht die Gesamtwirkung nicht sehr verändert, zugleich stellte jedoch die Verschiebung der Inschriften einen fundamentalen Eingriff in die Bedeutungsebene des Bildprogramms dar. Schlie belegte dies anhand einiger Beispiele ihrer Rekonstruktion des ursprünglichen Text-Bild-Bezuges. Dabei konnte sie zeigen, dass bis in die Positionierung einzelner Worte die Inschriften so präzise auf die Bilder abgestimmt waren, dass sich komplexe theologischer Bezüge herstellen lassen. Dies sei Ausdruck eines Anspruchs, der dem Werk den Charakter eines bildmedialen Traktates verliehe.

Den abschließenden Vortrag hielt Andrea Worm (Graz), deren Fokus auf der textlichen Selbstvergewisserung des Klosterneuburger Konvents im 14. Jahrhundert durch die Klosterneuburger Chronik (Wien, Österreichische Nationalbibliothek, Cod. 364) lag. Inhaltlich gliedert sich die um 1330 kompilierte Chronik in mehrere Teile. An eine Reihe von Diagrammen kosmologischen, historischen und moralisierenden Inhalts zu Beginn der Handschrift schließt sich ein der Papst-Kaiser-Chronik des Martin von Troppau folgender Text zu den sechs Weltzeitaltern an. Anschließend folgen die Annalen des Stifts Klosterneuburg sowie des Erzbistums Salzburg und das Chronicon pii marchionis, das die Lebensbeschreibung des Gründers von Klosterneuburg, Markgrafen Leopold III., enthält. Nach diesem inhaltlichen Überblick lenkte Worm die Aufmerksamkeit auf die ungewöhnliche Form der Diagramme zu Beginn der Handschrift. Hierzu zeigte sie ein Winddiagramm, das in dieser spezifischen Form nur sehr selten überliefert ist. Es wurde in direkter Anlehnung an zwei etwa 100 Jahre zuvor entstandene Zisterzienser-Handschriften aus den Klöstern Heiligkreuz bei Wien (Wien, Österreichische Nationalbibliothek, Cod. 378) und Baumgartenberg (Linz, Österreichische Landesbibliothek, Cod. 490) angefertigt. Das konzentrisch angeordnete Kreisdiagramm ist als göttliche, von Christos Logos gehaltene Ordnung dargestellt. Anders als bei den älteren Handschriften wurden die acht Nebenwinde durch Personifikationen der Paradiesflüsse ersetzt. Die als nächstes gezeigten Tugend- und Lasterbäume wurden ebenfalls den älteren Handschriften entlehnt und entsprechend modifiziert. Worm legte dar, inwiefern diese Darstellungen eine die Heilsgeschichte umfassende Klammer um das Winddiagramm und das darauffolgende Compendium historiae des Petrus von Poitiers bilden. Nach Worm ist die traditionelle, retrospektive Ausrichtung der Klosterneuburger Chronik Ausdruck einer Selbstvergewisserung der Geschichte eines der bedeutendsten Klöster Österreichs. Darüber hinaus ließen sich daraus gleichfalls interessante Schlüsse auf die ordensübergreifenden Transferprozesse innerhalb monastischer Netzwerke ableiten.

In der Abschlussdiskussion bekamen die anwesenden Projektleiter (Martina Giese, Thomas Vogtherr, Klaus Gereon Beuckers, Klaus Niehr und Harald Wolter-von dem Knesebeck) Gelegenheit, die Ergebnisse der Tragung zusammenzufassen. Die Diskussion förderte noch einmal die Differenzen und Gemeinsamkeiten in den verschiedenen Ansätzen der Objektforschung zutage. Gleichzeitig konnte das Ineinandergreifen der verschiedenen Disziplinen und Ansätze auch für das weit gefasste Themenfeld der Tagung als Erfolg gewertet werden. Bezogen auf das Forschungsprojekt „Innovation und Tradition. Objekte und Eliten in Hildesheim, 1130 – 1250“ machte die Tagung weiterhin die Notwendigkeit eines reflektierten und an einigen Stellen noch zu präzisierenden Umgangs mit dem Begriff der Eliten deutlich. Die Untersuchungsmethode, die das Projekt im engen Bezug auf die Stadt Hildesheim in einem begrenzten Zeitraum verfolgt, konnte im Rahmen der Tagung jedoch auf den allgemeinen Kontext bezogen bestätigt werden. Weiterhin bot die Tagung einen Erkenntnisgewinn in der Betrachtung unterschiedlichster klerikaler, adliger und bürgerlicher Eliten und deren Repräsentationsmöglichkeiten im Kunstwerk.

 

Konferenzübersicht:

Freitag, 19. Mai

19:00 ABENDVORTRAG: Hans Werner Goetz (Hamburg): Eliten. Ein Forschungsbegriff und seine mediävistische Problematik

Samstag, 20. Mai

Caspar Ehlers (Frankfurt): Partes infidelium oder Aula Paradisi? Zur Genese Sachsens und seiner Eliten im Früh- und Hochmittelalter

Claudia Hefter (Potsdam): Geistliche Elite am Dom – Die Hildesheimer Domschule als hochrangige Ausbildungsstätte

Anne Südbeck (Osnabrück): Hildesheimer weltliche Eliten im 13. Jahrhundert: Zusammensetzung, Vernetzung, Stiftungen

Eileen Lemmle (Dresden): Die Quedlinburger Goldschmiedearbeiten des 13. Jahrhunderts

Melanie Hanan (New York): A Liturgical Appetite for Thomas Becket: Limoges Becket Casket Reliquaries in the Twelfth and Thirteenth Centuries

Jörg Widmaier (Tübingen): Die Taufe beschreiben – Zur inhaltlichen Konzeption mittelalterlicher Taufgefäße

Lena Sommer (Hamburg): Die ikonographischen Programme und die Strategien der Betrachterlenkung im „Magnum Legendarium Austriacum“ aus Zwettl (Zwettl, Stiftsbibliothek, Cod. 12, 24, 14, 15)

Albert Dietl (Regensburg): Neue Bilder für urkirchliche Exempla. Die vitae et passiones apostolorum et sanctorum aus Regensburg (Clm 13084)

Sonntag 21. Mai

Martin Haltrich (Klosterneuburg): Tradition und Distinktion: Das soziale und intellektuelle Umfeld des Klosterneuburger Ambo im 12. Jahrhundert

Heike Schlie (Salzburg): Politischer und theologischer Kontext – Liturgische und bildtheoretische Programmatik. Überlegungen zum Status des Klosterneuburger Ambos als Akteur

Andrea Worm (Graz): Welt und Klostergeschichte. Das Winddiagramm in der Klosterneuburger Chronik und sein Kontext

Abschlussdiskussion

 

Tagungsbericht Objekte und Eliten. Neue Forschungen zur Kunstproduktion im 12. und 13. Jahrhundert in ihrem intellektuellen Kontext. 19. bis 21. Mai 2017, München