Teilprojekt 8:

Das Hildesheimer Taufbecken und die Produkte der Hildesheimer Bronzewerkstatt (1220-1250)

Kunsthistorisches Institut, Universität Osnabrück
Leitung: Prof. Dr. Klaus Niehr
Wissenschaftliche Mitarbeiterin: Dr. des. Joanna Olchawa


monheim_2006-1_05 IIDas gegen 1225 entstandene Taufbecken des Hildesheimer Doms und die aus der gleichen Werkstatt oder aus benachbarten Ateliers stammenden Bronzegeräte sind nicht nur Arbeiten höchster handwerklicher Qualität, sondern auch Schlüsselwerke für die Kunstgeschichte der Stadt im 13. Jahrhundert. Basierend auf neuen, nach den Kanonisierungen Godehards und Bernwards in Kirche und Gesellschaft Kontur gewinnenden künstlerischen und ästhetischen Entwicklungen, tragen die Bronzen wichtige Eigenschaften, die als Ausgangspunkt für die Erforschung zentraler Fragen zur Kunst und Kultur des hohen Mittelalters dienen können. Vier Punkte umreißen historische, kunsthistorische, theologische und technikgeschichtliche Aspekte der Werke und lassen die Zentrumsfunktion wie die Innovationskraft Hildesheims heraustreten.

 

  1. Material und Technik: Mit dem Werkstoff Bronze bzw. Messing wird ein in der Stadt seit Jahrhunderten eingesetztes Material genutzt. Für Herkunft und Zusammensetzung dieses Materials wie für dessen Verarbeitung sind Tradition und/oder Innovation zu klären. Auch die Analyse des künstlerischen Entstehungsprozesses muss im Vergleich mit älteren Werken geschehen, sodass sich daraus die Spezifik der Geräte als wesentlich vom Werkstoff bestimmte, typische Gegenstände des 13. Jahrhunderts ergibt.
  2. Werkstatt, Produktpalette, Verbreitung: Das Taufbecken wird in einem Atelier hergestellt, das, allein oder gemeinsam mit anderen, zahlreiche weitere Arbeiten zumeist kleineren Formats, vor allem Aquamanilien unterschiedlicher Form, für Hildesheim und für weiter entfernte Orte produziert. Damit gewinnen Beziehungen zu Abnehmern, aber auch zu Werkstätten außerhalb der Stadt an Bedeutung. Die Fund- und Bestimmungsorte der Stücke aus Hildesheimer Produktion verdeutlichen den Aktionsradius und den Rang der Ateliers wie die Bedeutung des Handels für die Verbreitung von deren Arbeiten.
  3. Stifter: Der auf der Taufe genannte und im Bild als Stifter erscheinende Kleriker Wilbernus ist deutlicher Beleg für die Verortung dieses Werks und vielleicht auch anderer Arbeiten im Umfeld des Domkapitels. Das wird unterstrichen durch den Einsatz theologischer Kompetenz in Bezug auf die Auswahl der Bilder und die Konzipierung der Inschriften. Persönlichkeiten aus dem Kapitel oder der Domschule darf man hierfür zumindest als Vermittler annehmen.
  4. Ikonographie: Die in der Taufe sichtbare Berufung auf die Tradition des Kapitels mit der Präsentation der Hildesheimer Ortsheiligen Godehard und Epiphanius zu Seiten der Madonna steht neben einer explizit modernen und aktuellen Ikonographie, die sich vor allem im Bild der Misericordia auf dem Deckel manifestiert. Hier könnten kirchenpolitische Aspekte eine Rolle gespielt haben (etwa die durch Bischof Konrad begünstigte Niederlassung der Franziskaner in der Stadt 1223).

 

Zu erarbeiten ist deshalb eine auf der Basis materialanalytischer Untersuchungen gegründete und an einer qualifizierten Auswahl der Stücke orientierte Geschichte der Hildesheimer Bronzen des 13. Jahrhunderts. Hierbei werden monographische Detailuntersuchungen zur stilistischen und ikonographischen Ausformulierung der Gegenstände verzahnt mit einem Überblick, der die Palette der Produktion zu bestimmen sucht und zusätzlich Auftraggeber, Händler wie Käufer als Partner auf dem Kunstmarkt zu thematisieren hat.