Teilprojekt 6:

Historizität vs. Modernität: Die romanischen Emailarbeiten aus Hildesheim und ihre Verwendung

Kunsthistorisches Institut, Christian-Albrechts-Universität zu Kiel
Leitung: Prof. Dr. Klaus Gereon Beuckers
Wissenschaftliche Mitarbeiterin: Dr. Dorothee Kemper


Teilprojekt 6

Die ungewöhnlich dicht und exemplarisch überlieferten Hildesheimer Goldschmiedeobjekte, aber auch die relevanten Werkstätten des 12./13. Jahrhunderts sind kaum durch Schriftzeugnisse oder archäologische Funde bezeugt. Somit werden die erst um 1150 in der Bischofsstadt aufkommenden Emailobjekte selbst zu Zeugnissen, die mit kunsthistorischen und naturwissenschaftlichen Methoden auf Alter, Qualität, Bildaussagen und technologische Besonderheiten wie Werkzeuge, Handelsbeziehungen oder Materialien überprüft werden.

Grundlage bildet eine systematische Katalogisierung der weltweit verstreuten Emailwerke des 12. und frühen 13. Jahrhunderts, die traditionell dem Hildesheimer Umfeld zugeschrieben werden. Diese Daten – eine materielle Erfassung (Maße, Formen, Farbspektrum, Technik, Motivik) und die analytische Kontextualisierung dieser Objekte – fließen in einen Katalog ein, der erstmals die niedersächsischen Grubenschmelzarbeiten nach aktuellen Kriterien versammelt.

Außerdem wird die Determinierung des Erscheinungsbildes dieser Werke untersucht: hierzu gehört die Frage nach ihrem Historizitätskonzept (Orientierung an ottonischen Formen, bzw. einem dezidierten Modernismus in der Ausführung), nach den Bildungsvoraussetzungen und ökonomischen Verflechtungen der Auftraggeber (Mönche, Domkapitel, auswärtige Institutionen wie der Welfenhof) sowie nach den ausführenden Künstlern.

Die durch Säkularisationsfolgen und Handel weit verstreuten Stücke werden nach Möglichkeit einer Autopsie und naturwissenschaftlichen zerstörungsfreien Analysen unterzogen (Kooperation u.a. mit Universität Hannover, Kunstgewerbemuseum und Rathgen-Forschungslabor Berlin, Louvre, C2RMF – UMR 8247, Metropolitan Museum New York). So sollen Auskünfte über Herstellungsprozess, über die bisher fast ausschließlich auf stilistischer Basis angenommene Lokalisierung und ihr Verhältnis zu anderen Werkzentren (Lüttich, Köln und Limoges) erzielt werden. Damit wird über den interdisziplinär ausgerichteten Projektrahmen und die Hildesheimer Verflechtung hinaus eine Kontextualisierung in die romanische Emailproduktion insgesamt in motivischer, programmatischer und technischer Hinsicht erarbeitet.