Teilprojekt 1:

Objekt im Wandel: Die Große Goldene Madonna des Hildesheimer Domschatzes um 1200

Dommuseum Hildesheim
Leitung und Bearbeitung: Dr. Claudia Höhl


monheim_DS-82_02smZu den bedeutendsten Kunstwerken des Hildesheimer Domschatzes gehört die sog. Große Goldene Madonna, die erst Josef Braun und Wilhelm Pinder als ottonisches Kunstwerk erkannt und mit dem Namen Bischof Bernwards verbunden haben. Im Mittelpunkt der bisherigen Forschung stand die Bedeutung der Hildesheimer Madonnenstatue als Werk der bernwardinischen Kunst und damit die Frage nach der Entstehung der mittelalterlichen Großplastik um das Jahr 1000.
Bezeichnend ist allerdings, dass der früheste schriftliche Nachweis der Madonna aus dem beginnenden 13. Jahrhundert stammt; sie war offenbar keine „Bernwardreliquie“, ob vergessen oder ignoriert, ist ungeklärt. Die ottonische Statue, die zusammen mit Reliquiaren des 12. Jahrhunderts zumindest zeitweilig auf dem Hochaltar aufgestellt war, besaß zentrale Bedeutung in der Liturgie der Domkirche. Mit der hohen Verehrung des Bildwerks gingen aus unterschiedlichen Gründen auch Eingriffe in seine Materialität einher. Infolge des Verlusts einiger Beschlagteile durch einen Diebstahl wurden am Beginn des 13. Jahrhunderts Filigranstreifen angefertigt, die einerseits das deutliche Bemühen zeigen, die ottonischen Beschläge nachzuahmen, sich zugleich aber durch Technik und Stil eindeutig als Produkte hochmittelalterlicher Goldschmiedekunst ausweisen. Parallel zu dem hier offensichtlichen Interesse, den „originalen“ Charakter der Madonna zu bewahren, wurde das Bildwerk aber auch durch Votivgaben verändert, z. B. durch die Anbringung eines heute verlorenen großen Adlerfürspans auf der Brust der Gottesmutter. Besonders bemerkenswert ist, dass es keinerlei Überlieferung einer Verknüpfung der Madonna mit Bischof Bernward gibt.
Gleichzeitig zu dieser aktiven Nutzung und teilweisen Umgestaltung eines hochverehrten „alten“ Marienbildes entstand außerdem in Hildesheim, und zwar ebenfalls für den Dom, um 1200 eine zweite, die sog. Kleine Goldene Madonna (dazu Pawlik i.Vorb.). In den liturgischen Quellen des 14./15. Jahrhunderts treten bei hohen Kirchenfesten schließlich immer beide Madonnen zusammen auf.
Ausgehend von der Großen Goldenen Madonna lässt sich die Transformation der ottonischen Tradition im Kontext der Ausstattung des Hildesheimer Domes und der dort wirkenden geistlichen Elite fassen. Untersucht werden sollen die Veränderungen in Materialität und Nutzung des ottonischen Bildwerks um 1200. Mit der kleinen Madonna tritt ein zweites Marienbild hinzu, dessen Gestaltung und Funktion genauer zu klären ist. Ergänzend stellt sich zudem die Frage nach Standort und Verwendung dieser beiden mobilen Ausstattungsstücke des Domes im Kontext der Veränderungen der Baugestalt und der monumentalen Ausstattung sowie des übrigen mobilen Domschatzes. Vor allem die zumindest zeitweilige Aufstellung auf dem Hochaltar macht die Hildesheimer Objekte zu wichtigen Zeugnissen der Ausstattung des liturgischen Raums im hohen Mittelalter. Die Tatsache, dass in St. Michael eine zweite, erst in der Reformationszeit zerstörte bernwardinische Madonna existierte, ermöglicht zudem die Untersuchung der Aufstellungs- und Nutzungspraxis und deren Veränderungen im hier interessierenden Zeitraum in zwei verschiedenen Kirchen am selben Ort. Hier ergibt sich ein enger Zusammenhang mit den Projekten des Gesamtvorhabens zur monumentalen Ausstattung beider Gotteshäuser.
Im Vergleich zur Situation in St. Michael und der dortigen Betonung der Bernwardmemoria bildet außerdem die Goldene Madonna einen Ansatzpunkt für die Analyse sich bewusst voneinander absetzender unterschiedlicher Traditionsaneignung bei zwei unterschiedlichen Eliten in der Stadt, zu deren Herkunft und Zusammensetzung die historischen Dissertationen des Gesamtprojekts eine zuverlässige Grundlage bieten werden. Unmittelbar zu verknüpfen sind die Untersuchungen zur Goldenen Madonna mit den vorgesehenen Forschungen zum „Historizitätskonzept von Schatzobjekten“, die sich mit Tradierung und Umformung der bernwardinischen Werke in St. Michael befassen.